Hängebrücke

HängebrückeIch erlebe es überall, im Privaten, in sozialen Netzwerken, im öffentlichen Diskurs – und gerade eben auch mal wieder bei mir selbst: dieses hartnäckige, raffinierte, perfekt getarnte Rechtfertigen der eigenen Vermeidung und Anhaftung durch Glaubenssätze aller Art. Unser innerer Beschützer läuft zu Hochform auf, wenn es darum geht, nach risikolosen Alternativen für irgendeinen dringend nötigen Schritt Richtung Freiheit zu fahnden oder diesen Schritt per Dekret oder Dogma für unnötig, unsinnig, unethisch und dergleichen zu erklären – meist wider jede tiefere Vernunft.

Wie könnte es auch anders sein? Seit in der Erziehung Lobhudelei und Affenliebe das alte preußische Paradigma abgelöst haben (das freilich durch die permanente Angst vor Strafe ganz ähnliche Probleme aufwirft), sind Kinder es gewohnt, für banale Verrichtungen und Lernerfolge (Laufen etc.) wie kleine Genies verehrt zu werden – nicht zuletzt als Folge des Narzissmus ihrer Erzeuger, die nicht weniger als Einstein oder Schweinsteiger zusammengeschustert haben wollen.

Mit diesem unbegründeten Dünkel im Hello-Kitty-Daypack geht es ab in die KiTa, wo – umgeben von anderen Einsteins und Schweinsteigers – schnell die grausame Realität der Gaußschen Glockenkurve das elterliche Wolkenkuckucksheim in Schutt und Asche legt. Plötzlich reicht es nicht mehr, Papas Tochter oder Mamas Sohn zu sein. Was bleibt dem dergestalt entthronten Nachwuchs als der älteste Trick aller Langsamläufer und -denker: nämlich, so zu tun, als wollte man sowieso nicht mitmachen bei diesem blöden Spiel?

Selbstverständlich ist das purer Bullshit, und tief drin ist uns das auch irgendwie klar: deswegen die elaborierten Erklärungen, die unermüdliche Suche nach Verbündeten, nach sog. gegenseitigen Bestätigungsverhältnissen. „Du findest doch auch, dass das doof ist, nicht wahr?“ – oder unnötig, unsinnig, unethisch etc. pp.. Deswegen auch die verzweifelte Hoffnung auf eine Neue Zeit, die Revolution, das Erwachen der Menschheit, Ufos oder den Großen Knall – alles, ALLES, nur nicht das, was wirklich ansteht, was wirklich IST.

Wir stehen an einer Hängebrücke über dem gähnenden Abgrund und scharren mit den Füßen. Wir suchen nach anderen Wegen. Dann suchen wir nach Ausreden, nach Gründen, warum es auf dieser Seite schöner ist. Schließlich suchen wir nach Gleichgesinnten, und vertreiben uns plaudernd und tändelnd und irgendwann hauptsächlich zankend die wahrscheinlich einzige Lebenszeit, die uns gegeben ist. Und wenn uns dieser Irrsinn mal kurz dämmert, erzählen wir einander was vom Himmel oder von Reinkarnation.

Dabei ist die simple Wahrheit diese: Es gibt keine brauchbare Alternative. All die Brücken vor uns sind keine fiesen Fallen auf dem Weg zu einem zufriedenen Leben, die es zu umgehen oder mit viel Ersatzgewese auszusitzen gilt. Eine nach der anderen zu überqueren, trotz zitternder Knie und Kloß im Hals, IST das Leben. Nur das macht uns wirklich glücklich und lässt uns erwachsen werden. Dafür – nicht für die Premium-Mitgliedschaft im Drückeberger-Club diesseits des Abgrundes – sind wir auf dieser Welt.

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