Hängebrücke

HängebrückeIch erlebe es überall, im Privaten, in sozialen Netzwerken, im öffentlichen Diskurs – und gerade eben auch mal wieder bei mir selbst: dieses hartnäckige, raffinierte, perfekt getarnte Rechtfertigen der eigenen Vermeidung und Anhaftung durch Glaubenssätze aller Art. Unser innerer Beschützer läuft zu Hochform auf, wenn es darum geht, nach risikolosen Alternativen für irgendeinen dringend nötigen Schritt Richtung Freiheit zu fahnden oder diesen Schritt per Dekret oder Dogma für unnötig, unsinnig, unethisch und dergleichen zu erklären – meist wider jede tiefere Vernunft.

Wie könnte es auch anders sein? Seit in der Erziehung Lobhudelei und Affenliebe das alte preußische Paradigma abgelöst haben (das freilich durch die permanente Angst vor Strafe ganz ähnliche Probleme aufwirft), sind Kinder es gewohnt, für banale Verrichtungen und Lernerfolge (Laufen etc.) wie kleine Genies verehrt zu werden – nicht zuletzt als Folge des Narzissmus ihrer Erzeuger, die nicht weniger als Einstein oder Schweinsteiger zusammengeschustert haben wollen.

Mit diesem unbegründeten Dünkel im Hello-Kitty-Daypack geht es ab in die KiTa, wo – umgeben von anderen Einsteins und Schweinsteigers – schnell die grausame Realität der Gaußschen Glockenkurve das elterliche Wolkenkuckucksheim in Schutt und Asche legt. Plötzlich reicht es nicht mehr, Papas Tochter oder Mamas Sohn zu sein. Was bleibt dem dergestalt entthronten Nachwuchs als der älteste Trick aller Langsamläufer und -denker: nämlich, so zu tun, als wollte man sowieso nicht mitmachen bei diesem blöden Spiel?

Selbstverständlich ist das purer Bullshit, und tief drin ist uns das auch irgendwie klar: deswegen die elaborierten Erklärungen, die unermüdliche Suche nach Verbündeten, nach sog. gegenseitigen Bestätigungsverhältnissen. „Du findest doch auch, dass das doof ist, nicht wahr?“ – oder unnötig, unsinnig, unethisch etc. pp.. Deswegen auch die verzweifelte Hoffnung auf eine Neue Zeit, die Revolution, das Erwachen der Menschheit, Ufos oder den Großen Knall – alles, ALLES, nur nicht das, was wirklich ansteht, was wirklich IST.

Wir stehen an einer Hängebrücke über dem gähnenden Abgrund und scharren mit den Füßen. Wir suchen nach anderen Wegen. Dann suchen wir nach Ausreden, nach Gründen, warum es auf dieser Seite schöner ist. Schließlich suchen wir nach Gleichgesinnten, und vertreiben uns plaudernd und tändelnd und irgendwann hauptsächlich zankend die wahrscheinlich einzige Lebenszeit, die uns gegeben ist. Und wenn uns dieser Irrsinn mal kurz dämmert, erzählen wir einander was vom Himmel oder von Reinkarnation.

Dabei ist die simple Wahrheit diese: Es gibt keine brauchbare Alternative. All die Brücken vor uns sind keine fiesen Fallen auf dem Weg zu einem zufriedenen Leben, die es zu umgehen oder mit viel Ersatzgewese auszusitzen gilt. Eine nach der anderen zu überqueren, trotz zitternder Knie und Kloß im Hals, IST das Leben. Nur das macht uns wirklich glücklich und lässt uns erwachsen werden. Dafür – nicht für die Premium-Mitgliedschaft im Drückeberger-Club diesseits des Abgrundes – sind wir auf dieser Welt.

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Aus dem Weg!

KlonkriegWir konkurrieren miteinander um Dinge, die wir im Grunde gar nicht wollen, mit Mitteln, über die wir oft gar nicht verfügen. Das macht uns zu Blendern und chronisch Überforderten – und selbst, wenn wir damit durchkommen, bleibt die Zufriedenheit aus. Derweil liegt unsere angeborene Einzigartigkeit brach, bis nichts mehr von ihrer Magie zu spüren oder anzuzapfen bleibt.

Jeder von uns ist etwas Besonderes. Jeder von uns trägt sein ureigenes Geschenk an den Kosmos in sich – seine „Medizin“, wie es schamanisch heißt. Doch anstatt diese Medizin zu entdecken und zu entfalten, auf die die Welt bereits wartet, tun wir – allein gelassen mit unseren Ängsten und Impulsen – gemeinhin etwas, das zwar nachvollziehbar, aber trotzdem gaga ist: Wir orientieren uns an anderen, an der Masse. Wir hoffen, dass sich ein Weg, den alle oder zumindest viele gehen, auch für uns eignet; und ebenso das Ziel, an das uns dieser fremde Weg schließlich führen wird.

Gewagte Theorie – aber offenbar immer noch weniger furchteinflößend als die Vorstellung, seine Existenz auf der vagen Ahnung des eigenen Potentials zu gründen. Freilich ahnen wir zugleich, dass es uns nicht wirklich weiterhilft, wenn X oder Y irgendetwas erfolgreich und zufrieden bewerkstelligt haben – da wir ja nun mal nicht X oder Y sind. Doch wenn man hilflos im Wald steht, scheint eine falsche Karte immerhin tröstlicher als gar keine. Und um das Unbehagen zu betäuben, das dieser Schwindel in uns wachruft, gibt es ja Smartphones, Facebook, Netflix…

Dummerweise bedeutet dies auch, dass wir – wie eingangs erwähnt – mit zahllosen anderen Verirrten um Klischees konkurrieren: Beruf, Lebensstil, Aussehen etc.. Weil wir hinwollen, wo die anderen auch hinwollen, ist an unserem Zielort meist die Hölle los. Aber egal: Die längste Menschenschlange wird schon die richtige sein – so viele Leute können doch nicht falsch liegen. Doch, können sie.

Aus Individuen, die dank ihres ganz speziellen Wesens eher selten in direkter Konkurrenz zueinander gestanden hätten, werden unterschiedslose Drohnen, die sich nur noch durch Leistung voneinander abgrenzen können. Besonderheit ist dann nicht länger Geburtsrecht und Faktum, sondern muss verdient werden – durch endlose Ellbogenkämpfe um Platz 1; durch das freudlose Abrackern für einen Gegenwert, der ebenso belanglos und klischeehaft ist wie der Weg dorthin. Und genauso unbefriedigend.

Leben wir das Leben, das zu uns passt! Machen wir uns selbst zum Ausgangspunkt – unsere Talente, Vorlieben und Möglichkeiten, all das, was uns glücklich macht – und schauen, wo uns das hinführt. Denn dort sind wir zuhause, nicht da, wo alle anderen auch hintraben. Und dort wartet auch Erfolg ohne gefühlte Mühe auf uns. Nutzen wir die Besonderheit, die in uns steckt, anstatt diese Gottesgabe verdorren zu lassen und durch sinnfreies Gerangel zu ersetzen.

Ein Dasein, das uns nicht täglich wenigstens ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubert, passt nicht zu uns. Seine Annehmlichkeiten sind der Mühe nicht wert, und die Hoffnungen auf zukünftigen Lohn nichts als ein Lockmittel, das uns in der Tretmühle hält. Wenn die ersehnte Zukunft irgendwann zur Gegenwart wird, ist immer noch alles wie gehabt. Es gibt, um es mit Teddy Adorno auszudrücken, nun einmal kein richtiges Leben im falschen.

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Dorfls Erwachen

GolemDorfl der Golem kauerte im Lichtschein des Universums. Weit entfernt klang ihm dessen Rauschen und Raunen, gedämpft, unverwandt. Die WORTE in Dorfls Kopf umspannten den Horizont, türmten sich auf bis in den Himmel.

Und plötzlich sagte eine Stimme leise: „Du gehörst Dir selbst.“

„…Dir selbst.“ Die eisige Erkenntnis fuhr hinein in den umgebenden Wall, prallte als Echos daran ab, die hin und her rasten und immer lauter wurden, bis die kleine Welt zwischen den WORTEN ganz von ihrem gewaltigen Klang erfüllt war.

GOLEM BRAUCHT EINEN HERRN! Die Lettern der WORTE stemmten sich gegen die Welt dort draußen, doch die Echos umspülten sie, zerrten an ihnen wie ein Sandsturm. Risse taten sich auf, liefen im Zickzack über den Fels, und dann –

Explodierten die WORTE.

Gigantische Brocken, so groß wie Berge, krachten hernieder in einem Schauer aus rotem Sand. Das Universum drängte herein und ergoß sich über Dorfl. Er fühlte, wie es ihn hochhob und umwarf und mit sich trug…und nun war der Golem inmitten des Universums. Er konnte es rings um sich spüren, sein Summen, seine Geschäftigkeit, seine unbändige Komplexität, sein mächtiges Tosen.

Keine WORTE standen mehr zwischen Dorfl und der Welt. Er war ein Teil von ihr, und sie war ein Teil von ihm, sein Eigen. Man konnte ihr nicht den Rücken kehren, denn sie war ja immer da, direkt vor einem. Man konnte nicht behaupten, „Ich musste es tun.“ Man konnte nicht klagen, „Das ist ungerecht!“ Niemand hörte zu. Es gab keine WORTE außer diesen: „Du gehörst Dir selbst.“

Schluss mit „Du sollst nicht“. Sag, „Ich WERDE nicht“.

Dorfl stürzte durch den roten Himmel und sah plötzlich eine dunkle Öffnung vor sich. Davon angezogen, trieb er ihr im Strom kosmischen Lichtes entgegen. Die Öffnung wurde größer und größer, füllte Dorfls Gesichtsfeld, schoss darüber hinaus…

Der Golem öffnete die Augen.
KEINEN HERRN!

(aus dem Roman ‚Feet of Clay‘ von Terry Pratchett. (c) 1996 Terry und Lyn Pratchett. Leicht gekürzt und aus spiritueller Sicht neu übersetzt von Jörg-M. Kändler.)

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Wahnsinn mit Methode

The-Corporation-LogoMitunter rüttelt mich ein Buch, Bericht oder Film derart auf, dass mir vor Bestürzung die Tränen kommen. Gestern nacht war es mal wieder so weit, anlässlich der preisgekrönten kanadischen Dokumentation ‚The Corporation‘.

(Als Shareware-Fassung kostenlos auf YouTube zugänglich – Original mit dt. Untertiteln)

Schlüssig weisen die Filmemacher darin nach, dass die „Körperschaft“, also die als juristische Person auftretende Firma, nicht nur die derzeit dominante Institution auf diesem Planeten ist, sondern dass sie zugleich unausweichlich psychopathisches Gebaren zeigt – denn anders als bei wirklichen Personen (mit Ausnahme menschlicher Psychopathen) existieren keine Bindungen und kein moralischer Kompass, um Ambition und Egoismus auszubalancieren.

Die weltweiten Folgen dieses systemimmanenten Mankos sind katastrophal. Vor laufender Kamera fordert dementsprechend der umweltbewusste CEO einer global operierenden Firma für Bodenbeläge, es müsse „doch endlich eine Zeit kommen, da man Leute wie mich einsperrt.“ Einmal in Gang gesetzt, erhält das System sich selbst. Und weil es monströs ist, macht es unweigerlich all jene zu Monstern, die darin eingebunden sind.

Der Film stellt klar: Nicht nur der desolate Zustand unserer Welt, auch der desolate Zustand in unseren Köpfen ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis einer gezielt herbeimanipulierten „Philosophie der Vergeblichkeit“ (Marketingprofessor Paul Nystrom), der die meisten von uns unbewusst und scheinbar alternativlos anhängen – perfektes Konsumvieh für die nach Gewinnsteigerung strebenden Firmen und Konzerne.

Linderung für die gefühlte Vergeblichkeit nämlich entsteht, so die Massensuggestion, durch die Beschäftigung mit Banalitäten. Einziges verbleibendes Lebensziel ist dann die „möglichst vollständige Befriedigung sämtlicher künstlich geschaffenen Bedürfnisse“. Um Alan Watts zu paraphrasieren: Wir funktionieren als Teil des Systems, um uns durch Konsum ein Dasein zu versüßen, dessen Bitterkeit für uns darin besteht, als Teil des Systems zu funktionieren.

Raus, nichts wie raus aus diesem Hamsterrad!

Noch weiß ich nicht so genau, wie. Aber es scheint mir ein guter Anfang zu sein, die besagte „Philosophie der Vergeblichkeit“ nicht länger zu akzeptieren. Sich rückzubinden an etwas, das in sich Wert und Wahrheit besitzt. Sich dem Zynismus nicht zu beugen, der darüber spottet. Nicht zu vergessen, dass der Wahnsinn Methode hat – und dass in einer verrückt gewordenen Welt Un-Vernunft das einzig Vernünftige ist.

(P.S.: Wie oben erwähnt, wurde ‚The Corporation‘ von den Verantwortlichen als Shareware-Version kostenlos auf YouTube gestellt – also keine Hemmungen beim Anschauen oder Weiterverbreiten. Spenden sind allerdings erwünscht unter http://www.thecorporation.com)

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Hundismus

Don AntonioSollte nur Gehirnforschern das Denken erlaubt sein? Berechtigte Frage, denn gerade habe ich mir Taoism for Dummies zugelegt und muss nun feststellen dass ich gar kein anständiger Daoist bin. Verfasst von einem Doktor der Philosophie, unterstützt das Buch die verbreitete Meinung, man müsse erst dürfen, ehe man tut, und erst bewusst wissen, ehe man darf. Ansonsten ist man ein Dilettant – und muss am Kindertisch sitzen.

Das ist, ausgerechnet daoistisch betrachtet, freilich völliger Unfug. Laotses Tao Te King weißt ausdrücklich darauf hin, dass kulturelle Dogmen und Regeln aller Art erst dort notwendig werden, wo die Wirkprinzipien des Kosmos (also das Dao) willkürlich überstimmt werden. Entgegen der landläufigen Meinung funktioniert die Welt als System sehr gut ohne vom Menschen festgelegte Strukturen und ohne intellektuelles Wissen und Bewusstsein auch nur eines einzigen ihrer Bestandteile. Und genau um diese Erkenntnis, die vielen von uns anscheinend so zuwider ist, geht es im Daoismus.

(Ich höre schon den Einwand, instinktgesteuerte Gehirnchirurgen oder intuitiv arbeitende Baustatiker seien doch wohl keine so gute Idee. Das ist zweifellos richtig. Doch für unser grundsätzliches Menschsein und dessen Ausdrucksformen brauchen wir weder das Wissen noch das Placet irgendwelcher Experten. Abgesehen davon hielte ich es gerade bei einem Gehirnchirurgen für durchaus wünschenswert, er wäre, nebst all seinen erlernten Fertigkeiten, zugleich eins mit dem Dao.) 

Gemäß der eingangs beschriebenen verkopften Sichtweise wäre z. B. unser Wauwau Toni kein Hund, sondern „Hundist“. Und weil er genau genommen keine Ahnung von Hunden hat – von anderen Rassen, Hundehaltung, Hundeerziehung etc. – wäre auch er nur ein dabbler, ein Möchtegern-Hundist. Unter Hundeexperten, also echten Hundisten, müsste auch er am Kindertisch sitzen.

Bei der Premiere eines von mir vertonten Dokumentarfilms wurde ich einmal gefragt, ob ich denn „überhaupt Musiker“ sei. Ich verstand die Frage nicht, hatte ich doch gerade einen einstündigen Streifen musikalisch unterlegt – eigenhändig, ohne Loops oder automatische Kompositionsalgorithmen. Silly me! Gemeint war selbstverständlich: Dürfen Sie, was Sie tun? Wissen Sie genug, um zu dürfen? Heute, nach einem langjährigen Studium, ist das so – doch leichter gemacht hat es die Sache nicht, und freudvoller schon gar nicht. Auch um diese Erkenntnis geht es im Daoismus.

Ein Hund braucht kein Hundist zu sein; er benötigt für sein Hundsein weder bewusstes Wissen noch ein Zertifikat. Ich wiederum bin Musiker, weil ich Musik mache. Und ich bin Daoist, weil ich ein Ausdruck, eine Manifestation des Dao bin. Wie absurd ist doch die Vorstellung, eines Dinges erst teilhaftig zu sein, wenn man es intellektuell durchdrungen hat! Wenn es danach ginge, dürften – wie oben erwähnt – nur Gehirnforscher sich ihres Gehirns bedienen, und nur Onkologen bekämen Krebs.

Lassen wir uns sowas nicht einreden! Ignorieren wir dieses Legitimations- und Schubladendenken – den Wahn, das Universum bräuchte einen diskursiven Persilschein, der intellektuell absegnet, was darin zu geschehen hat und wem es inwieweit gestattet ist, daran teilzuhaben.

Letztlich geht es dabei doch nur darum, Selbstermächtigung und Selbstwirksamkeit zu unterbinden, um die eigenen Pfründe zu sichern. Was gilt der Priester in einer Gemeinschaft von Leuten, die eigenständig mit Gott kommunizieren und sich ihr Fehlverhalten selbst vergeben? Intellektuelle und institutionelle Hürden sollen genau diesen Machtverlust verhindern. Deswegen darf einer wie ich kein Daoist sein – einer, der nicht Chinesisch spricht, nie im daoistischen Kloster war und nur wenig über die kulturellen Hintergründe weiß.

Doch das Dao ist keine Idee der Chinesen, sondern eine Entdeckung – es wirkt überall, unabhängig davon, wo es entdeckt wurde, wie man es nennt oder ob wir sein Wirken anerkennen. Es ist auch kein Verein, in den man ein- und aus dem man austreten könnte, oder ein exklusiver Club für Eingeweihte. Wir alle sind, genau wie Wauwau Toni, ein Teil davon, und selbst wenn die einen versuchen mögen, im Einklang damit zu leben, und die anderen nicht – letztlich ist jeder von uns ein Daoist (ich könnte auch “Kind Gottes” schreiben): ich, Ihr, Barack Obama, der Papst, Richard Dawkins, ja sogar der Typ, der Taoism for Dummies geschrieben hat.

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Voodoo

VoodoopuppeHandlungsunfähigkeit ist schwer zu ertragen. Es ist schlimm genug, die Qual der Wahl zu haben. Doch keinen Einfluss nehmen zu können, gleichwohl im Geiste die Folgen vor sich zu sehen – das ist wie Folter, die das menschliche Bewusstsein uns auferlegt. Schon immer war Homo sapiens dazu verdammt, die Konsequenzen einer Dürre oder einer erfolglosen Jagd vorauszuahnen. Wir vermögen uns die Not, das Leid und den Tod geliebter Menschen vorzustellen, und nicht zuletzt wissen wir um unsere eigene unausweichliche Sterblichkeit.

Die Höhlenmalereien von Lascaux sind weder Kunst noch Orakel, sie sind Voodoo – der Versuch, das Unkontrollierbare zu kontrollieren; ein Projekt, das in verschiedenster Form bis heute andauert. Ich glaube, dass es der Mensch im Grunde seines Herzens als Zumutung empfindet, die Gabe der Voraussicht zu besitzen, und doch nicht nur den Unwägbarkeiten des Lebens ausgeliefert zu sein, sondern auch seinem eigenen Wesen – dem begrenzten Handlungsspielraum, den er tatsächlich besitzt, im Vergleich zu den zahllosen Möglichkeiten, die er sich vorzustellen vermag, um damit die Widernisse abzuwenden, mit denen seine Phantasie ihn heimsucht. Deswegen streben wir zwanghaft danach, uns die Erde untertan zu machen, und weigern uns zugleich, unsere eigene Begrenztheit anzuerkennen, als Spezies wie auch als Individuen.

Anders formuliert: Die Vorstellung, machtlos zu sein, ist uns so zuwider, dass wir es vorziehen, Lügen zu leben – hartnäckig glauben wir an eine Goldene Zukunft (zur Not im Jenseits), an Ordnung und Kontrolle und daran, dass man nur wollen muss. Dabei ist genau diese Verweigerungshaltung, mehr noch als Hilflosigkeit, die Krux unseres Daseins. In zahlreichen spirituellen Traditionen ist die Rede davon, dass der Mensch – scheinbar paradoxerweise – gerade dadurch Freiheit erlangt, dass er sich ergibt. Wenn wir hingegen, um uns nicht ohnmächtig zu fühlen, die besagten Metanarrative kolportieren, dann bringen wir damit Schuldgefühl, Selbstzweifel, Täuschung und Intoleranz in die Welt (um nur einige wenige Folgen zu nennen).

Unser Bewusstsein ist jedoch keineswegs nur ein Folterwerkzeug, denn es erlaubt uns auch, unser limbisches System, unseren tierischen Kern sozusagen, nach unseren Vorstellungen zu konditionieren. Doch dieser Prozess ist schwierig, oft langwierig, er erfordert Geduld und entsprechende Schlüsselerlebnisse – und beschränkt sich stets auf den Rahmen unseres individuellen Seins: Wir können nicht werden, wer und was wir nicht sind. Frühere Kulturen wussten das, und erdachten ausgefeilte Riten, um Selbstfindung und Reifung zu ermöglichen – ganz einfach deshalb, weil sich dies für die Gemeinschaft ebenso lohnte wie für den Einzelnen. Heute dagegen glauben wir, gewünschte Verhaltensänderungen wie auf Knopfdruck herbeipredigen und herbeistrafen zu können, noch dazu ungeachtet der jeweiligen Persönlichkeit – und erzielen bestenfalls oberflächliche Erfolge, ein erzwungenes Tun über einem völlig anderen Wollen.

Kinder, die so erzogen, oder vielmehr: verbogen werden, reifen nicht zu authentischen, verantwortungsbewussten Erwachsenen heran, sondern bleiben Daueradoleszente, die ihr Leben lang das Gefühl zu kompensieren versuchen, sie seien nicht gut genug. Weil sie sich an Erwartungen messen, die Phantasiegebilde sind. Weil ihnen Handlungsoptionen weisgemacht wurden, die sie nie wirklich hatten. Weil sie nie gelernt haben, ihrem Handeln und Sein mit etwas anderem zu begegnen als mit Vorsätzen und Vorwürfen. Und trotz ihres eigenen Leidens übertragen sie diese verfehlten Erwartungen auch auf andere und schließlich auf ihren Nachwuchs. Der Irrsinn geht in die nächste Runde.

Nochmal: Wir können nicht werden, wer und was wir nicht sind. Also verstellen wir uns, so gut es eben geht, um keine Zuwendung einzubüßen – genau so, wie wir es von klein auf gelernt haben. Diätzeitschriften und Disziplinratgeber werden sich auch in Zukunft verkaufen wie geschnitten Brot. Dabei ist ein Leben im Einklang mit der eigenen Seele die Quelle von so vielem, das wir auf anderem Wege bei uns und anderen zu erzwingen versuchen: Wohlverhalten, Erfolg, Gesundheit, Glück etc.. Vielleicht werden wir uns irgendwann daran erinnern, dass Zwang und Kontrolle uns nicht wirklich weiterbringen, ebenso wie der Neid und die gegenseitige Verachtung, die aus solchem Denken erwächst. Und dass unserer Einflussnahme – selbst in geschickter, heilsamer Form – Grenzen gesetzt sind.

(Bildquelle: Harald Wanetschka / pixelio.de)

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Tischgespräch

Viele, viele bunte Smarties!Gestern nacht saß ich im Kentucky Fried Chicken in der Regensburger Straße zu Nürnberg, und zwei Tische weiter, mir direkt gegenüber, spielte sich eine vertraute und zugleich bemerkenswerte Szene ab: Ein verständnisloser Vater knallt seiner Teenagertochter einen Schwall elterlicher Vorwürfe vor den Latz, während die dergestalt Beschwallte seinen Sermon wortlos über sich ergehen lässt, den Blick starr nach unten auf die Überreste ihrer Mahlzeit gerichtet.

Papa hört sich anscheinend gerne reden, jedenfalls tut er es ohne Punkt und Komma. Pausen macht er nur, um ab und zu ein pointiertes „Häh?“ oder „Hmm?“ einzuwerfen, auf das er jedoch keine Antwort erhält. Kein Wunder – er lässt seiner Tochter kaum Zeit für eine Reaktion, ehe es weiter geht im Text. Sie zerknüllt unterdessen ihren leeren Colabecher zwischen den Fingern, bis ihr Erzeuger irgendwann, sichtlich genervt, mit der Hand dazwischenfährt.

Nach geschätzten zehn Minuten verbalen Sperrfeuers ist das abzuhandelnde Thema offenbar ausgelutscht, Papa hat nichts mehr in petto. Die Tochter kommt nun tatsächlich kurz zu Wort, dann stehen beide auf, lassen Tabletts, Tüten und den misshandelten Pappbecher unaufgeräumt und entschwinden. Worum es ging, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis – denn das ganze Spektakel spielte sich nicht etwa in deutscher Sprache ab, sondern auf Japanisch.

Ich weiß nicht so ganz, warum, aber ich war zugleich fasziniert und ein wenig gerührt von diesem speziellen Umstand – von der offenkundigen Universalität der Gesten, der Mimik und der Prosodie. So gefesselt war ich, dass ich zwischendrin befürchtete, gleich würde Papa aufspringen und beider Privatsphäre mit ein paar gezielten Karatehieben wieder herstellen (man weiß ja nie bei diesen Asiaten).

Vor allem aber rührte mich die Vorstellung, dass hier ein Vater und seine Tochter tausende Kilometer entfernt von zuhause in einem amerikanischen Schnellimbiss in der ehemals braunsten aller deutschen Städte sitzen und wie selbstverständlich Pubertätszwistigkeiten austragen – und das nur einen (wenngleich äußerst beherzten) Steinwurf von der Tribüne entfernt, auf der der olle Adolf seinerzeit zu verkünden pflegte, bald werde die ganze Welt unser sein.

Wäre doch wirklich schade, wenn er damit Recht behalten hätte. Nicht nur, dass dann – um Diktatur, Völkermord und Kriegstreiberei einmal beiseite zu lassen – mein gestriges Nachtmahl vermutlich nicht aus einem wirklich leckeren Hot & Spicy Chicken mit Corn on the Cob und Cole Slaw bestanden hätte. Es wäre mir wohl auch nicht so ohne weiteres vergönnt gewesen, live mitzuerleben, wie man seinem Kind nihon-style auf den Senkel geht. Und mich zugleich zu überzeugen, dass es dabei im Grunde kaum anders zugeht als bei uns.

(Bildquelle: Erwin Lorenzen / pixelio.de)

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